Bisherige Bildung

 
Bildung macht frei


So lautete einst das beflissene Credo Joseph Meyers (1796 bis 1856 Herausgeber des großen Konversationslexikons), mit dem er das allgemeine Recht auf Bildung als Ausdruck humanitärer Freiheit propagierte. Völlig zu Recht, denn tatsächlich versetzt erst das Verständnis um die Zusammenhänge der umgebenden Welt wie auch Befähigung der interaktiven Kommunikation, den einzelnen Menschen in den Stand, sich vergleichend zu reflektieren, um sein Leben gelassen und selbstbestimmend in Glück und Einklang zu gestalten.


Dieses „Privileg“ war in den Bildungsanfängen zunächst dem theologischen Nachwuchs oder müßigen Adelsständen vorbehalten. Erst später galt auch dem bürgerlichen Stand die Aufmerksamkeit der Theologen in dem Bemühen, junge Menschen bereits frühzeitig durch lehrende Unterweisung sowohl intellektuell als auch persönlichkeitsfördernd zu bilden. 
Sobald Schüler und Gelehrte auf freiwilliger und interessierter Basis zusammenfanden, blieben solche Begegnungen, meist für alle Beteiligten, als gegenseitig inspirierende Bereicherungen erhalten.


Beispielhaft sei hier die griechische Praxis der Antike erwähnt, in der Jungen aus vermögenden Elternhäusern ausgesuchten Gelehrten überantwortet wurden, um ausgesprochen individuell  geistig  und persönlichkeitsbildend gefördert zu werden.  


In abgewandelter Form verbreitete sich auch in unserem Kulturkreis zu Zeiten des Mittelalters eine ähnliche Praxis. In jener Zeit zogen ausgelernte Gesellen oft für mehrere Jahre in die Welt hinaus, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit fremden Menschen und Kulturen auszutauschen. Damit war meist für beide Seiten eine Win Win-Situation verbunden, die treffenderweise als echte Weiterbildung bezeichnet werden konnte. 


Vereinzelt wird diese Praxis auch heute noch unter dem Begriff "auf die Walz gehen" meist von jungen Handwerkern ausgeübt, wie auch manche Schulabgänger nach bestandener Abschlussprüfung die anschließende Zeit nutzen, um im Ausland in sinnvoller Weise den geistigen Horizont auf sogenannten "Travel and Work-Reisen" zu erweitern.  


Dieser inspirierende Bildungscharakter verlor jedoch zunehmend sein persönlichkeitsförderndes Profil, je dominierender im Laufe der Jahrhunderte der staatsbürgerliche Einfluss über die Bildungshoheit anwuchs. Spätestens mit Einführung der Schul- bzw. „Bildungspflicht“, wie sie im Zuge der industriellen Revolution landesweit eingeführt wurde, um junge Menschen in massentauglichen Schulabfertigungsbetrieben für die Erfordernisse der Wirtschaft zu qualifizieren, wandelte sich die Bildungskultur von der freiheitlichen Geistesentwicklung, immer unerbittlicher in die Enge rationaler Wirtschaftszwänge. Diese unselige Entwicklung hat sich trotz generationsübergreifenden Lobpreisungen aller bildungspolitischen Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft, wie humanistisch das jeweils gegenwärtige Bildungssystem doch angeblich so schülerfreundlich ausgerichtet sei, bis in die Gegenwart fortgesetzt.

Wie weit der wirtschaftsbestimmende Einfluss reicht, konnte kaum sinnbildlicher als zur Zwangseinführung des G8 (um ein Jahr verkürzte Gymnasialschulzeit) demonstriert werden, welches gegen alle noch so massiven Proteste und Mahnungen von Lehrkräften, Eltern als auch Schülern/innen bildungspolitisch durchgeboxt wurde. Ein Rohrkrepierer wie sich letztlich erwies, da die Begleitumstände trotz erleichterter Abschlussprüfungen, für alle Beteiligten deutlich belastender ausfiel und dabei nicht mal einen nützlichen Mehrwert aufwies.  


Aber vielleicht benötigen wir gerade solche Negativexzesse, die geeignet sind uns Fragen nach der Sinnhaftigkeit unserer Realitäten vor Augen zu führen.
Denn was für ein Glücksfall der Geschichte, bedurfte es in diesem Einzelfall nicht mal 10 Jahre, (nein, nicht ironisch gemeint) bis auch in politischen Kreisen die überwiegenden negativen Begleiterscheinungen von G8 zur Kenntnis genommen und zur Entlastung von Schülern, Lehrern und Eltern in schleichenden Etappen, teils bis hin zur völligen Rücknahme korrigiert wurde.

 

Eine ähnliche Einsicht ist schon sehr viel länger in weit größeren Dimensionen überfällig.
Doch dazu ist unseren politischen Entscheidungsträgern, wie beim Großteil unserer Mitbürger, ganz offensichtlich noch immer der Blick verstellt. Darüber kann und soll auch niemanden ein Vorwurf erwachsen, sofern er/sie nicht von selbst zur Einsicht des verderblichen Charakters unseres gegenwärtigen Bildungssystems gekommen ist, oder von Außenstehenden auf erforderliche Korrekturen aufmerksam gemacht wurde. Denn wer wagt schon eine Systematik in Frage zu stellen, der über Generationen hinweg nahezu ausnahmslos alle jungen Menschen in unseren Schulbetrieben zwangsausgesetzt wurden?

So lange selbst die geistige Elite diese Leidensstätten unwidersprochen absolvierten bzw. tolerierten, musste sich zwangsläufig auch für den Durchschnittsbürger der Eindruck vertiefen, dass der belastende Lebensabschnitt Schule, wie die Luft zum Atmen, unveränderlich zur Normalität des Lebens gehört.

Interessant dabei ist die Beobachtung, wie sich vom einfachen Bürger bis zu prominenten Vordenkern zahlreiche Mitbürger erlauben, Sitten und Bräuche fremder Kulturen als inhuman zu verurteilen, aber nicht mal fähig sind, die tiefgreifenden Verletzungen unserer eigenen Kultur wahrzunehmen, mit der wir unsere Kinder und somit uns selbst dauerhaft schädigen. Denn wären wir wenigstens halbwegs gebildet, wäre uns schon länger der destruktive Charakter unserer Schulen aufgefallen, deren Verantwortungsträger sich zunehmend darauf beschränkt haben, eine auf Funktionalität reduzierte Auslese unserer Kinder zu betreiben, um der neuzeitlichen Weltreligion „Wirtschaftswachstum und Gewinnoptimierung“ das erforderliche Rohmaterial an vorformatierten Arbeitssklaven zuzuführen.

 

Schulen haben sich insoweit kaum mehr mit Bildungsvermittlung, sondern nur mehr mit komprimierter Wissensoptimierung befasst. Entsprechend werden Lehrpläne schon lange nicht mehr an realen Lebensbedürfnissen oder Interessen der Schüler/innen ausgerichtet, sondern es wird lediglich weiter an Stellschrauben gedreht, in der sich jeder gegen jeden vergleichend beweisen muss.

Wahrscheinlich ist noch nicht einmal ein Vorsatz definiert worden, um Kinder als zu formatierendes Rohmaterial serienmäßig durch den "Fließbandbetrieb Schule" zu schleusen. Aber sofern in den Anfängen staatlicher Bildung nicht bereits ein entsprechender Vorsatz gefasst wurde, hat sich im Laufe der zurückliegenden Jahrhunderte unter dem Druck einflussreicher Geschäftstreibender, unser Bildungswesen zwar unmerklich, aber stetig unbarmherziger, wirtschaftsbestimmender entwickelt.

Wie fest wirtschaftliche Gesichtspunkte unsere Schulkinder inzwischen vereinnahmt haben, wird besonders gut an den sogenannten Pisa-Studien ersichtlich.

Die Pisa-Studien gehen aus einem Zusammenschluss von gegenwärtig 35 der weltweit finanzstärksten Mitgliedsstaaten hervor, die sich seit 1960 als Organisation (OECD) der Entwicklung von (Schein-)Demokratie und Marktwirtschaft innerhalb ihrer Mitgliedsstaaten verpflichtet fühlen.

 

Seit über 15 Jahren werden nun in all diesen Mitgliedsstaaten Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer wirtschaftsdienlichen Lesekompetenz sowie mathe- und naturwissenschaftlichen Befähigungen in einem ländervergleichenden Leistungstest überprüft. Die konkurrierenden Ergebnisse werden anschließend mit der Absicht veröffentlicht, die entsprechenden Kultusverantwortlichen zu nötigen, die Schüler/innen der zurückliegenden Länder mit stetig weiter steigenden Leistungsanforderungen zu quälen.

    Augenweide 1

 

                     Eine kleine Augenweide zum Innehalten und Sinnieren

 

Was hat dieses unter Schülern bezeichnete "Bullemie-Lernen" noch mit Bildung zu tun?
So können sie später vielleicht noch den Satz des Pythagoras erklären, die meisten dürften sich hingegen bereits kurz nach erbrachtem Leistungsnachweis kaum noch an eine der ätzenden Matheformeln von Euler, Gauß und dergleichen erinnern, die zwar als Nachweis eines imaginären Bildungsstandards  ein- und abgefordert werden, den Schülern/innen jedoch inhaltlich völlig abstrakt bleiben müssen, wenn ihnen nicht einmal erklärt wird, welchen Nutzen sie aus dem erworbenen Wissen ziehen oder real verwenden könnten.
Dieses eklatante Versäumnis setzt sich in nahezu allen anderen Unterrichtsfächern fort.

Unsere Kinder und Heranwachsenden werden mithin genötigt, sich mit Themen und Lehrkräften zu befassen,

  • die sie weder interessieren,
  • noch einen Bezug zur Realität haben,
  • ihnen inhaltlich fremd bleiben,
  • und auch später, von Ausnahmen abgesehen, nur selten eine berufliche Verwendung finden,
  • sowie bekanntermaßen, bereits nach kurzer Zeit wieder vergessen werden,
  • teils von unmotivierten, unvermögenden oder aggressiven "Pädagogen" vermittelt werden,
  • teils von Lehrkräften bewusst gemobbt werden. Siehe Liste Lehrermobbing.
  • Und sollte es der einen oder anderen Lehrkraft  doch einmal gelungen sein, ein flammendes Interesse zu entfachen, so wird es spätestens mit dem nächsten Stundenwechsel wieder gnadenlos gelöscht.

Und diese Schulpraxis  und Ergebnisse sollen etwas Gemeinsames mit Bildung haben?

 

Dressur trifft  hier wohl die passendere Bezeichnung, in der sich sowohl Schüler/innen als auch Lehrkräfte unentwegt gegenseitig erschöpfen.
Die Schüler/innen sind zwar anpassungsbedingt für eine kurze Zeit Meister im reproduzieren all des unsinnigen Mülls, den sie bis zum sprichwörtlichen Erbrechen zu verdauen hatten. Wie ineffektiv aber all die Schinderei ist, darauf machten Industrie, Handwerk als auch Universitäten schon seit geraumer Zeit über beklagenswerte Mängel an theoretischer und praktischer Allgemeinbildung ihrer nachrückenden Auszubildenden aufmerksam.

Wer auch immer für diese preußischen Zuchtanstalten – fälschlicherweise Bildungsstätten genannt – verantwortlich ist, hat in seinem Nivellierungswahn vollkommen übersehen, dass jeder Mensch insbesondere alle Kinder, einzigartige Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Temperamenten sind, unterschiedliche Fähigkeiten, Neigungen und vor allem auch unterschiedliche Entwicklungstempi aufweisen.

 

Wie lange wollen wir weiterhin diese berechtigten Persönlichkeitsmerkmale ignorieren und unsere Kinder, in zu kleinen und stickigen Räumen gepfercht, von gleichfalls gestressten Lehrkräften auf niederschwelligem Bildungsniveau mit lebensfremden Lehrinhalten zumüllen?

 

Wenn unser Bildungsverständnis den Anspruch erhebt, unsere Kinder zu eigenständigen Persönlichkeiten zu formen, die am Ende ihrer regulären Schullaufbahn wissen was sie ausmacht, wo sie stehen, wohin es sie drängt und darüber hinaus, wir von ihnen ethische Aufrichtigkeit, gepaart mit Toleranz- und Demokratieverständnis erwarten, dann ist es längst allerhöchste Zeit, unseren unsäglichen Selbstbetrug und unsere eigene Unvernunft zu erkennen, denn dieser Selbstbetrug hat schwerwiegende Folgen.


Wir nehmen diese Folgen nur nicht mehr wahr, da wir sie als Teil unserer Normalität verinnerlicht haben, die kaum noch von jemanden hinterfragt wird.
Dabei  kosten uns diese Folgen:

 

  • unser Geld
  • unsere Lebensqualität
  • unsere Würde
  • unseren Frieden
  • unsere Gesundheit
  • unseren Kindern ihr familiäres Glück und Leben.

Bekanntlich müssen Kinder schon seit vielen Jahren - mit stetig steigender Tendenz - immer häufiger zu ihrem eigenen Schutz in staatliche Obhut genommen werden. Damit nicht genug kostet uns die Unbewusstheit uns Erwachsener in unserem Land wöchentlich wenigstens 2 – 3 Kindern ihr einmaliges junges Leben, wie sich weiterhin mehr als 10.000 Menschen pro Jahr als Folge unserer abgestumpften Herzen in einer finalen Flucht von eigener Hand das eigene Leben nehmen.

 

Was das alles mit unserem Bildungssystem zu tun hat, wird hier unter der Rubrik "Fatale Folgen" dargestellt.

Im Buch "Bildungsnot" sind noch weit mehr aufschlussreiche Detailaspekte aufgeführt, die ersichtlich machen, wie tief jeder Einzelne unter uns bildungsgeschädigt ist/wird und hoffentlich nicht mehr länger bereit ist, diese offensichtlichen Missstände weiterhin schweigend zu tolerieren. Denn das hieße nichts anderes, als unsere Kinder und Gesellschaft weiterhin sehenden Auges schädigen zu lassen. 

              

           neu

                                 
                              Schaf oder Menschsein - das ist hier die Frage